Auf der Automechanika 2026 in Frankfurt haben mehrere Diagnoseanbieter neue KI-gestützte Systeme vorgestellt, die Fehlersuche und Reparaturentscheidung in der Werkstatt beschleunigen sollen. Was hinter den neuen Lösungen steckt und was sie für den Werkstattalltag bedeuten.
KI als Ergänzung, nicht als Ersatz der Diagnose
Mit wachsender Fahrzeugkomplexität – mehr Steuergeräte, mehr softwaredefinierte Funktionen, mehr herstellerspezifische Sicherheits-Gateways – reicht ein einzelner Fehlercode oft nicht mehr aus, um die tatsächliche Ursache eines Defekts zu finden. Mehrere Hersteller von Diagnosetechnik haben darauf mit neuen, KI-gestützten Systemen reagiert, die auf der Automechanika 2026 erstmals breiter vorgestellt wurden.
Hella Gutmann: macsNova bündelt drei Jahrzehnte Diagnosedaten
Hella Gutmann Solutions präsentierte mit macsNova eine Diagnoseintelligenz, die nach Angaben des Unternehmens auf einer geschlossenen Wissensbasis aus mehr als 100 Millionen Fahrzeughistorien, rund 100 Milliarden Parametermesspunkten aus realen Reparaturfällen und etwa zwei Milliarden Fehlercodeauswertungen beruht. Das System ist bereits in die Diagnosegeräte mega macs PRO, mega macs S20 und mega macs PLUS integriert.
Nach Fahrzeugidentifikation und Fehlercodeabfrage gleicht macsNova die vorliegenden Daten mit dieser Wissensbasis ab und liefert priorisierte Fehlerursachen sowie konkrete Prüfschritte. Führt der vorgeschlagene Diagnoseweg nicht zum Ziel, lässt sich über die Funktion „Smart Help Call“ der vorliegende Datensatz direkt an die Hella-Gutmann-Hotline übermitteln – ohne dass der Fehlerfall erneut beschrieben werden muss. Die eigentliche Diagnose- und Reparaturentscheidung bleibt laut Hersteller stets beim Techniker.
Texa: ADAS-Kalibrierung und KI-Diagnose in einer Plattform
Auch Texa zeigte in Frankfurt Weiterentwicklungen seiner Diagnosesoftware IDC6, die unter dem Namen „Texa AI“ bereits seit 2024 im Einsatz ist und nach Herstellerangaben inzwischen mehr als fünf Millionen Interaktionen verzeichnet. Neue Funktionen sind „AI Global Search“, das die herstellereigenen Datenbanken gezielt nach Informationen zu einem konkreten Fahrzeug und Problem durchsucht, sowie „AI Smart Diagnosis“, das mehrere Schritte des Diagnoseprozesses – von der Fahrzeugauswahl bis zur Analyse der Steuergeräte – begleitet.
Parallel dazu stellte Texa die Produktfamilie „Vision Check“ vor, die ADAS-Kalibrierung und Achsvermessung in einem System zusammenführt. Für Fahrerassistenzsysteme ist eine korrekte Kalibrierung nach Reparaturen an Fahrwerk oder Karosserie sicherheitsrelevant – ein Bereich, der mit zunehmender Verbreitung von ADAS-Funktionen auch für kleinere freie Werkstätten an Bedeutung gewinnt.
Was das für Werkstätten praktisch bedeutet
Für den Werkstattalltag ändert sich durch solche Systeme zunächst vor allem die Reihenfolge der Arbeitsschritte: Statt Diagnosedaten manuell mit Herstellerdokumentationen und Erfahrungswerten abzugleichen, erhält der Techniker strukturierte Vorschläge, die er prüfen und bestätigen muss. Das kann insbesondere bei komplexen oder seltenen Fehlerbildern Zeit sparen – ersetzt aber nicht die fachliche Beurteilung vor Ort.
Damit sich der Zeitgewinn aus einer schnelleren Diagnose auch im Betriebsablauf niederschlägt, muss er sich in der Terminplanung und Auftragsabwicklung widerspiegeln – etwa wenn sich durch eine zügigere Fehlereingrenzung Standzeiten verkürzen und Werkstattkapazitäten besser disponiert werden können. Ein strukturierter Werkstattplaner hilft dabei, freiwerdende Kapazitäten direkt in die Tagesplanung einzubeziehen, statt sie ungenutzt zu lassen.
Unabhängig vom jeweiligen Hersteller zeigt sich ein gemeinsamer Trend: KI-Funktionen in der Diagnose werden nicht als eigenständiges Zusatzprodukt vermarktet, sondern zunehmend direkt in bestehende Diagnosegeräte und Softwareplattformen integriert. Für Werkstätten bedeutet das in der Praxis vor allem, bei anstehenden Investitionen in Diagnosetechnik auch auf die Qualität und Aktualität der hinterlegten Wissensbasis zu achten – nicht nur auf die reine Fahrzeugabdeckung.
Quellen: Hella Gutmann Solutions (Pressemitteilung vom 08.09.2026), PROFI-Werkstatt (profi-werkstatt.net, Bericht zur Automechanika 2026).